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Zwei Stunden Bettler sein

Das Thema Armut beschäftigt mich zur Zeit. Als unser Professor uns vor ein paar Wochen die Aufgabe stellte, ein Manifest zu schreiben – einen Katalog von Thesen, die etwas mit Design zu tun haben sollten – entschied ich vielleicht deshalb, ein Manifest für Bettler zu schreiben.

Ich stellte mir vor, nach welchen Regeln ein Bettler vorgehen muss, um Erfolg zu haben. Nicht, dass ich das wirklich einschätzen könnte. Nicht, dass ich wüsste, mit welchen Problemen sich Bettler herumschlagen. Nicht, dass ich mir anmaßte, sie zu verstehen. Es war ein Gedankenexperiment.

Manifest für Bettler

  1. Hab ein dickes Fell
    Die Menschen begegnen dir entweder mit Mitleid oder Gleichgültigkeit oder mit Verachtung. Angenehm ist nichts davon.
  2. Design ist alles
    Die Entscheidung zum Spenden fällt in Sekundenbruchteilen. Dein Aussehen bestimmt den Erfolg.
  3. Sei freundlich
    Menschen, die etwas geben, wollen wahrgenommen werden. Zeige ihnen vor dem Spenden, dass du sie siehst. Zeige ihnen nach dem Spenden, dass du dankbar bist. Wenn sie nicht spenden, werde nicht unfreundlich. Das bringt ja doch nichts.
  4. Gib das Gefühl, dass Spenden hilft
    Der Spender muss das Gefühl haben, dass er ein wichtiges Bedürfnis stillt. Wenn du vom Geld Bier kaufen willst, dann tu das heimlich. Verstecke die Flaschen.
  5. Sieh arm aus
    Man muss dir ansehen, dass du Hilfe brauchst. Verwaschene und löcherige Kleider und Schuhe sind deshalb eine gute Idee. Leere von Zeit zu Zeit dein Geldgefäß, damit du nicht zu erfolgreich wirkst.
  6. Sieh nicht gefährlich aus
    Keiner spendet gerne, wenn er Angst hat, dass dein Kampfhund ihm dabei an den Hals springt.
  7. Ein gutes Schild ist die halbe Miete
    Wer dein Schild liest, beschäftigt sich mit dir. Das ist dein Gewinn. Schreibe kurz und lesbar. Ein handgeschriebenes Schild ist authentischer als eines aus dem Copyshop.
  8. Weihnachtszeit ist Hauptsaison
    Das Bedürfnis der Menschen, sich durch Spenden gut zu fühlen ist größer denn je.
  9. Du bist allein
    Du bist auf dich selbst gestellt. Es gibt keine Bettlergewerkschaft, keine Arbeitsunfähigkeitsversicherung und keinen Anspruch auf Elternzeit für Bettler. Mach das beste draus.

Aus diesem Gedankenexperiment wurde ein Projekt. Wir bekamen zwei Wochen Zeit, um unser Manifest in die Tat umzusetzen. Ich beschloss, zwei Stunden betteln zu gehen. Dabei ist das Video entstanden, das ihr oben seht. Ohne Marc, der mit der versteckten Kamera tolle Bilder gemacht hat, hätte das übrigens nicht geklappt.

Zwei Stunden lang die Leute von unten zu sehen ist zwar seltsam, aber nicht schlimm. Man friert ein bisschen und die Leute schauen einen schief an oder sagen einen fiesen Satz. Aber andere Menschen machen das jeden Tag durch. Manche, weil sie es wollen, andere, weil sie nicht anders können. Wenn ich etwas mitnehme aus diesem Projekt, dann das: Ich habe es warm, ich habe zu essen, ich habe Freunde. Es geht mir verdammt gut. Tut gut, mal so die Perspektive zu korrigieren.

Oh, und noch etwas: Punkt 9 ist im Manifest nicht richtig. Es gibt Leute, die einem helfen wollen. Das fand ich schön. Zu denen will ich auch gehören.

Wie geht ihr mit Bettlern um?

„Zwei Stunden Bettler sein“ · 21.12.2009 · Kommentare (17)

17 Kommentare:


  1. gut beobachtet und sehr mutig umgesetzt!

    maria am 21.12.09 um 11:12

  2. *daumen*

    janniz am 21.12.09 um 16:26

  3. coole sache !

    litha am 21.12.09 um 20:58

  4. sehr interessantes Projekt Maze & Respekt für diesen Selbstversuch.
    kann es eigentlich sein, dass der Ortswechsel auch dafür verantwortlich war, dass du in der 2. Stunde mehr erbettelt hast? denn für einen direkten Vergleich hättest du eigentlich am selben Ort bleiben müssen oder? auch wenn es verständlich ist, dass du den Ort gewechselt hast. kann mir jedenfalls gut vorstellen, dass dieser perspektivwechsel sehr bereichernd war.
    ich weiß oft nicht wie ich mit Bettlern umgehen soll. ignoriere ich sie oder schau ich sie an, geb ich etwas oder nicht? es ist immer wieder komisch mit dem Leid dieser Menschen konfrontiert zu werden und oft fühl ich mich hilflos.

    krischan am 22.12.09 um 00:23

  5. „gefällt mir“

    Andrea am 23.12.09 um 12:44

  6. danke, alle.
    krischan, klar kann es sein, dass es am ortswechsel lag. ist ja kein hoch wissenschaftliches ding gewesen.

    maze am 24.12.09 um 16:35

  7. ganz fein maze. frech ist wohl wahr. ich hab mich auch mal mit gitarre neben einen bettler für ne stunde gesetzt. war schon seltsam wie die leute einen anschauen. die perspektive sit eine andere. ich kann zwar nicht exakt fühlen, was einer fühlt, der jeden tag da sitzt. aber mir gab es ein anderes bild davon.

    freu mich auf silvester!

    timi am 29.12.09 um 15:35

  8. Klasse Ding! Ich bin begeistert!

    der Brite am 03.01.10 um 14:48

  9. danke dass ich mitmachen durfte ;)

    Marc am 11.01.10 um 00:03

  10. i like!!

    esbjoern am 23.01.10 um 09:41

  11. von wem ist eigentlich die Musik?

    krischan am 25.01.10 um 23:26

  12. von phoenix

    maze am 25.01.10 um 23:42

  13. HEY!

    meine freunde und ich haben dir im ersten versuch weihnachtsplätzchen gespendet, die du im video aber garnicht erwähnst als du von deiner „ausbeute“ erzählst! :(

    das projekt find ich aber trotzdem toll! :D

    simönchen am 21.02.10 um 09:31

  14. simönchen! stimmt, plätzchen. danke noch dafür :)
    die haben gut zum bier gepasst.

    maze am 21.02.10 um 13:37

  15. Krasse Aktion. Aber Ich kenne Dich nicht anders. Lustig zu sehen, was DU so treibst. Grüße aus Karlsruhe.

    Markus am 31.03.10 um 23:51

  16. :) Danke, Markus.

    Lieber Gruß nach Karlsruhe.

    maze am 01.04.10 um 10:12

  17. […] getestet, mit welcher Vorgehensweise er am meisten Geld einsammeln konnte. Das Ergebnis ist das “Manifest für Bettler”, in der er 9 Erfolgsregeln niedergeschrieben hat. Der socialblogger ist noch einen Schritt weiter […]

    www.best-practice-business.de/blog » Wie kann die Höhe der Spende für einen Obdachlosen beeinflusst werden? am 13.07.10 um 14:30

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