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Nehmen
Geben

„Ein Designer muss wissen, wie man mit Geld umgeht“, sagte ein Professor vor kurzem, und drückte jedem Studenten aus meinem Kurs 5 Euro in die Hand, die er von seinem eigenen Konto abgehoben hatte. „Investiert die 5 Euro gut und dokumentiert den Prozess. Es muss am Ende nicht unbedingt mehr Geld sein - es kommt ganz darauf an, was ihr unter einer guten Investition versteht.“

„Investiert diese 5 Euro gut und dokumentiert den Prozess.“

Ich hatte diese fixe Idee, wildfremde Leute in mein Projekt einzubeziehen. Ich beschloss, an irgendeiner Tür in Karlsruhe zu klingeln und zu fragen, was man mir für 5 Euro geben könne. Dann würde ich woanders klingeln und den erhaltenen Gegestand gegen etwas anderes eintauschen. Und so weiter. Annika half mir.

Die Idee ist nicht ganz neu, ich habe so etwas ähnliches schon einmal als Kind gespielt. Nur, dass es damals nicht darum ging zu sehen, wie viel man aus 5 Euro machen kann.

Um das ganze zu dokumentieren machte ich von jeder Person, bei der ich tauschte, ein Foto mit dem erhaltenen Gegenstand und eines mit dem weiter gegebenen Gegestand. Dabei sind ein paar schöne Porträts entstanden. Natürlich waren ein paar Tauscher nicht begeistert von der Idee, im Internet gezeigt zu werden, deshalb zeige ich hier nur Bildausschnitte mit Händen und Gegeständen.

Unser erstes Opfer hieß Marc. Marc war nett. Er wollte sowieso demnächst umziehen und hatte eine ganze Kiste mit Dingen, die er vorher loswerden wollte. Wir bekamen für die 5 Euro eine Schachtel mit chinesischen Klangkugeln, die sich in der Hand beruhigend anfühlen sollten.

Wir drehten die Klangkugeln Tobias an. Er wohnte in einer winzigen, etwas unaufgeräumten Bude unterm Dach, vollgestopft mit Büchern, einem E-Piano und Heimkino. Tobias backt gerne.

Was lag also näher, als uns ein Dr. Oetker Backbuch mitzugeben? „Nehmt es, ich habe zu viele Backbücher.“

Das Backbuch war genau das richtige für Christa. Sie ist Haushälterin und war sehr glücklich über das Buch, das sah man ihr an. Ihr Chef hielt gerade Mittagsschlaf...

... deshalb wusste sie nicht gleich, was sie uns mitgeben sollte. Schließlich fand sie dieses Duschgel-Geschenkset. Sie fand es „ganz toll", dass junge Leute so etwas machen.

Ein paar Türen weiter öffnete ein Herzchirurg. Er war allein zuhause und eher ratlos, wie er uns weiter helfen könne, bat uns aber herein und führte uns durch den ganzen Keller auf der Suche nach einem schönen Tauschobjekt.

Begeistert erzählte er davon, dass ein Mann in Kanada einmal bei einer ähnlichen Aktion mit einem Radiergummi angefangen und schließlich ein Haus ertauscht habe. Ein Haus hatte der Arzt zwar nicht für uns, aber immerhin einen Tennisschläger.

Den Tennisschläger ließen wir bei einer Familie auf der anderen Straßenseite, in deren Haus es herrliche nach Linsen und Spätzle roch. Die gut gelaunte Mutter nahm uns ebenfalls mit in den Keller...

... und drückte uns ein Paar Schlittschuhe in die Hand. „Unsere Tochter passt ja nicht mehr rein.“

Ein paar Straßen weiter wartete Katja auf uns, meine persönliche Lieblings-Tauschfrau. Sie bat uns herein, machte Tee und sagte: „Lasst mich mal fünf Minuten in Ruhe überlegen, was ich euch für die Schlittschuhe mitgeben kann.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns schon von der Idee verabschiedet, zu einem besonders wertvollen Gegestand zu kommen. Wir genossen es einfach, die Leute zu überraschen und ein bisschen von ihrem Zuhause und ihrer Art mitzubekommen. Und Katjas Art war sehr angenehm.

Sie gab uns einen Fußsack mit, in den man die Beine von Kindern steckt, wenn sie im Kinderwagen sitzen.

Der hatte ein schönes Muster. Buchstaben.

Es war nicht immer leicht, Leute zu finden, die mit uns tauschen wollten: oft öffneten die Leute gar nicht die Tür, kamen nur an die Sprechanlage und fanden die Idee blöd. Die, die sich darauf einließen, waren aber eigentlich nur am Lächeln. So auch Verena.

Die hatte zwar alle Hände voll zu tun, ihren kleinen Sohn davon abzuhalten, mit Pfefferkörnen eine Sauerei anzurichten, fand uns aber nett und gab uns ein Buch mit, das sie doppelt hatte: Das Baby. Anleitung, Inbetriebnahme und Instandhaltung. „Das ist so ein typisches Geschenk zur Geburt.“

Weil Verena uns etwas mehr geben wollte als das Büchlein bekamen wir noch eine Tüte mit Nüssen.

Die ältere Dame, die uns als nächstes hereinließ (inzwischen war es dunkel und die Leute öffneten seltener) gehörte nun wirklich nicht mehr zur Zielgruppe für das Baby-Buch. Aber Annika und ich konnten sie überzeugen. Oh, und dass wir von der Hochschule für Gestaltung kamen, trug uns Pluspunkte ein: „Ich habe lange Jahre bei Herrn Sloterdijk gehört.“
Im Keller fand sie eine bauchige Vase, die nicht billig aussah. Vermutlich war sie der wertvollste Gegestand, den wir im Laufe unserer Reise bekamen. Einmal noch wollten wir tauschen, dann wäre die Reise beendet.

Mit der Vase in der Hand klingelten wir, wieder ein paar Straßen weiter, bei Jürgen, Mitte Vierzig. Jürgen bereitete gerade seine Geburtstagsparty vor, er wollte am Abend mit Freunden reinfeiern. Er schmückte alle Tische seiner Wohnung mit afrikanischen Tischdecken. Die Vase gefiel ihm gut, und als Gegenleistung bot er uns einen Spanisch-Komplettkurs an, der mit Audio-Kassetten funktionierte. „Der hat mal 99 Mark gekostet! Nie benutzt!“, sagte Jürgen. Wir gaben nach. Wozu feilschen? Wir wünschten eine tolle Party und gingen heim.

Aus 5 Euro wurde also nicht mehr als ein veralteter Spanischkurs. Für uns war die Aktion trotzdem ein Erfolg. Was nehme ich mit? Dass es sehr, sehr spaßig war, für einen kurzen Moment bei Leuten hereinzuplatzen, sie von einer komischen Idee zu überzeugen und ein wenig davon zu sehen, wer sie sind und wie sie ticken.

Den Spanischkurs versteigerte ich übrigens bei ebay. Kaufpreis: 1 Euro. Der Käufer ist Professor für Chemie. Hoffentlich lernt er schön spanisch.

Witzige Welt.

„Nehmen Geben“ · 13.03.2010 · Kommentare (9)

9 Kommentare:


  1. das ist ja ne lustige Idee. :)

    litha am 14.03.10 um 11:49

  2. schöne Aktion maze und Annika! Hab sowas auch mal gemacht vor vielen jahren, in altensteig. wir haben ein ei bekommen und sollten das immer wieder tauschen. am ende hatten wir nen stapel badfliesen und ne alte Trompete glaub ich. :-) war sehr lustig!

    krischan am 14.03.10 um 15:34

  3. die story mit dem radiergummi und dem haus ist übrigens der Hammer!

    krischan am 14.03.10 um 15:39

  4. wenn sie denn stimmt, die story.

    maze am 14.03.10 um 15:53

  5. es war kein radiergummi, sondern eine rote büroklammer. hier zum nachlesen: http://oneredpaperclip.blogspot.com/2005/07/one-red-paperclip.html
    und wenn es im internet steht stimmt es. ganz sicher.

    derthomas am 15.03.10 um 15:04

  6. Danke, Thomas. Geiler Link.

    maze am 15.03.10 um 15:20

  7. Komm doch mal, wir haben auch noch Sachen im Keller ;-)

    Papa am 04.05.10 um 18:07

  8. Hi,

    das ist eine wirklich schöne und originelle Idee! ich persönlich hätte mich über die Tennisschläger wohl am meisten gefreut!

    LG

    Katja am 10.08.16 um 15:33

  9. Hi,

    ich finde diese idee wirklich super. Ich hatte mir zum letzten Wichteln im Betrieb eine ähnliche Aktion geünscht! Leider wurden dann anderen Vorschläge angenommen.

    LG

    Lars am 16.08.16 um 18:43

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